Neujahrsempfang in der Alten Textilfabrik

Neujahrsempfang in der Alten Textilfabrik
Veröffentlicht am So., 19. Jan. 2020 17:54 Uhr
Impuls

Predigt beim Neujahrsempfang in der Alten Textilfabrik am 19.1.2020

Pfarrer Andreas Klein



Liebe Gemeinde,

liebe Freundinnen und Freunde!

Wir sind an einem besonderen Ort. 

Taunusstraße 19 – alte Textilfabrik. Ein Gründerzeithaus – Kaiserzeit, Gründungszeit des Bahnhofsviertels. Und es gab hier Bürgerhäuser, Kürschnereien, Textilfabriken – vergangene Pracht. Die Taunusstraße heute – besonders Ecke Elbestraße und Ecke Weserstraße ist für viele Menschen ein unheimlicher Ort. Ja, schaut hin – wir sind heute einmal mittendrin, aber normaler weise gehen wir schnell hindurch, oder lieber noch im weiten Bogen außen herum.

Darf ich fragen, wer im Bahnhofsviertel lebt? Wer im Westend, im Gutleut, im Wurzelviertel, im Gallus oder gar in Bockenheim, oder gar in Ginnheim oder anderen Randbezirken? 

Ja, es ist auch bunt und lebendig. Die Kaiserstraße verliert immer mehr ihr Image vom Schmuddelgebiet und wird zum Ausgeh-Boulevard, die Münchner ist Multikulti, die Gutleutstraße gut befahren, aber die Niddastraße und die Taunusstraße sind auch Orte, die viele eben nachts lieber meiden. Manche auch tagsüber. Und der „Kaisersack“ ist immer noch wie er ist. 

Und hier gibt es Menschen, die in ihren Süchten gebunden sind, aus der Armut nicht rauskommen, Frauen, die keinen anderen Weg sehen als ihren Körper zu verkaufen, gut angezogene Männer, die mit verschämtem Blick durch die Straßen laufen. Nebenan sind da die Banken in den Obergeschossen schon jetzt sind Investoren, die hoffen, dass all das verschwindet, weil dann die guterhaltenen Häuser der Gründerzeit saniert und gewinnbringend vermietet und verkauft werden können. Es ist cool es ist schick, es ist eklig manchmal im Sommer über die Bürgersteige zu laufen. Und vieles ist eng nebeneinander vermischt. Aber es ist – sobald man darüber redet – total klischeeverdächtig. Da sind die Immobilien-Haie, die Dealer, das Rotlichtviertel: Schnell haben wir die Schubladen benannt und haben nicht mal einen Schrank – wie heißt denn hier der gemeinsame Nenner?

Das Bahnhofsviertel – mitten in unserer Hoffnungsgemeinde gelegen, ein ganz besonderer Ort. Eine Stadt in der Stadt – hier direkt vor unserer Tür.

 

Aber ich entführe sie jetzt! Mitten aus der Taunusstraße, dem Bahnhofsviertel in eine kleine Stadt am Norden des See Genezareth:

Und ich lese aus dem Markus-Evangelium:

32 Am Abend aber, da die Sonne untergegangen war, brachten sie zu ihm alle Kranken und Besessenen. 33 Und die ganze Stadt war versammelt vor der Tür. 34 Und er heilte viele, die an mancherlei Krankheiten litten, und trieb viele Dämonen aus und ließ die Dämonen nicht reden; denn sie kannten ihn. 35 Und am Morgen, noch vor Tage, stand er auf und ging hinaus. Und er ging an eine einsame Stätte und betete dort.

Es war ein Knistern an diesem Abend. Wenn die Sonne untergeht über den Hügeln von Tiberias, dann legt sich die Dunkelheit auf die kleine Stadt Kapernaum im Norden des Sees Genezareth. Und wenn die letzten Sonnenstrahlen verschwinden, ist der Schabbat vorbei! Schläuche mit Wein werden hervorgeholt, Oliven und Brot. Musik spielt auf. Menschen beginnen zu klatschen, zu singen, zu tanzen. 

Doch an diesem Abend es anders. Das Markusevangelium berichtet das:

Am Abend aber, da die Sonne untergegangen war, brachten sie zu ihm alle Kranken und Besessenen. 

Jesus war in einem der Häuser. Es war vielleicht das Haus der Familie des Petrus – und ein merkwürdiger Zug aus der ganzen Stadt macht sich auf den Weg zu diesem Haus. Die Kranken werden hergetragen und die Verwirrten an die Hand genommen, weil die Nachricht sich verbreitet hat: Dieser Nazerener, der helfen kann, ist in der Stadt. Dieser Jesus, der heilen kann, ist hier im Haus. Es muss ein – Knistern voller Erwartung gewesen sein, voller Hoffnung. Ein unbeschreibliches Bild. Und so heißt es dann:

Und die ganze Stadt war versammelt vor der Tür.

Und dann ist Jesus da – so beginnt seine Wirksamkeit – der heilt und hilft. Dämonen treibt er aus – das ist die Sprache der Zeit für psychisch Kranke und unverständlich gebundene Menschen, denen man mit Worten und Apellen überhaupt nicht nahekommen kann. Jesus sieht hinter der verzerrten Maske immer noch den Menschen, den Gott gemacht hat. Er redet nicht mit den Dämonen, er redet zu den Menschen.

Es muss, liebe Freunde, ein Knistern gewesen sein, eine Hoffnung, eine Erwartung, die von diesem Haus ausging, in dem Jesus wohnte. 

Das muss damals in Kapernaum so gewesen sein wie es der Wiener Theologe Paul Michael Zulehner nennt: Es geht ein „Gottesgerücht“ um. Es verbreitet sich wie der Duft eines guten Essens im ganzen Haus. Es ist ein Raunen, ein Flüstern – hast du schon gehört? Da ist ein einer, der helfen kann, da gibt es Hoffnung, Hilfe, Menschen kommen, weil sie hoffen, dass Ihnen geholfen wird. Und sie hoffen nicht umsonst!

Gibt es das Knistern voll Erwartung auch hier? Geht das Gottesgerücht auch im Bahnhofsviertel um? Das Bahnhofsviertel ist dann ein Ort, in dem wir mittenrin sind, nicht außenherum, der uns lockt und herausführt!

Ein Ort, der unsre Gemeinden ermutigt, heilende, nicht abwartende, nicht nur einladende, sondern helfende Orte zu sein. Zulehner sagt im Buch über das Gottesgerücht, wir sind die Kirche „ekklesia – die Herausgerufenen!“

 

Nicht alle können immer alles tun. Auch Jesus sucht am Morgen die Stille, obwohl unentwegt Menschen um Hilfe suchen. Wir brauchen stärker noch das Miteinander von Caritas, Diakonie und Kirche, von ora et labora, von Beten und Arbeiten. Bahnhofsmission, Weser 5, Kaffeestube Gutleut – und auch die Kirchen in der Nachbarschaft. 

Das Gottesgerücht geht um. Gott lässt sich finden. Er ist ja schon längst da. 

Lasst uns gespannt sein, wenn das Gottesgerücht um- und die Tür aufgeht. Nur eines ist gewiss – das Wort „Gott“ – wenn es zum Beispiel heißt: „Gott segnet dich“ – das klingt für Menschen, die eine festes Dach über dem Kopf haben, ganz anders als für einen, der auf der Straße schläft. Wer arm ist, singt ganz anders: „in wieviel Not, hat nicht der gnädige Gott über dir“, und wer nichts zu essen hat, bittet ganz anders: „unser tägliches Brot gib uns heute“. 

Wer hat den Arzt wohl nötiger? Und wer kann von wem lernen? Lassen wir uns herausfordern, herausrufen. Gottes Geist treibt uns an. Wir haben es eben gehört:

12 Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet. 13 Nehmt euch der Nöte der Heiligen (und die sind hier!) an. Übt Gastfreundschaft.

Es wird nicht so sein, dass die, die alles haben, denen, die nicht viel haben, nun auch noch Gott bringen, sondern, dass wir ihn gemeinsam hier finden.

Und die ganze Stadt war versammelt vor der Tür.

Und Christus längst ist unterwegs in den Straßen dieser Stadt.

Amen.