Mein bunter Kleiderschrank

© Petra Kress
Veröffentlicht am Do., 10. Okt. 2019 14:35 Uhr
Impuls

„Das kommt, das bleibt, das darf jetzt weg“, der Herbstmoden-Check in der Zeitschrift, die ich mir gerade gekauft habe, verspricht Ordnung in meinen Kleiderschrank zu bringen.

Ich tu' mich schwer mit dem Wegwerfen. Genau genommen kann ich es gar nicht und bin froh, dass es Oxfam gibt, wo gut erhaltene Kleidung gern in Empfang genommen wird. Sonst könnte ich am Spiel mit der Mode gar nicht mehr teilnehmen. Ich gebe zu, es interessiert mich noch immer. Im Moment haben oversize Modelle wieder Konjunktur.

Man kann einiges darunter verstecken und dennoch den Kopf oben tragen. Auch farblich lässt uns die aktuelle Mode viel Freiheit. Das Heft zeigt einen gelben Mäntel und karierte Capes, eine grüne Lederjacke und ein hellblaues oversize Ensemble. Eine wuchtige Jacke mit Schulterpartien wie für einen Preisboxer kommt selbstbewusst in Rot daher. Das Selbstbewusstsein braucht die Frau, die ihn trägt.

Die Mode ist ein gewaltiges Schwungrad der global organisierten Wirtschaft. 

Die dunklen Seiten dieser wiederkehrenden Verführung: die weltweite Ausbeutung vor allem weiblicher Arbeitskraft, die rücksichtslose Verseuchung der Meere, die Zerstörung lokaler Produktion - wir blenden sie aus. Das Bedürfnis, sich zu verwandeln ist stärker. Und das neu inszenierte Ego lächelt das schlechte Gewissen weg.

Auch die Bibel lädt uns ein, uns zu verwandeln. 

Auch sie schlägt uns vor, in neue Kleider zu schlüpfen. Freilich in solche, die man nicht kaufen kann. „So zieht nun an als die Auserwählten Gottes … herzliches Erbarmen. Freundlichkeit, Demut, Sanftmut und Geduld“, rät der Apostel Paulus den jungen Christengemeinden in Kleinasien (Kolosser 3,12). An anderer Stelle ist von den „Kleidern des Heils“ die Rede, vom „Mantel der Gerechtigkeit“, den Gott uns umgelegt habe (Jesaja 61,10).

Ich will hier kein moralisches Entweder-Oder konstruieren. Auch Christen dürfen Freude haben an dem Stück Sicherheit, das uns unsere Kleidung gibt. Nur soviel ist gewiss: die Ausstrahlung, die uns ein neues Outfit geben kann, verbraucht sich binnen weniger Tage.

Die Ausstrahlung aber, die von einem Menschen ausgeht, dem das alles im Gesicht geschrieben steht: herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Sanftmut und Geduld - diese Ausstrahlung ist so stark, dass wir nach seiner Kleidung kaum noch fragen. Jeder von uns kennt solche Menschen. Sie tragen ein Kleid, das nicht von der Stange zu haben ist: das Kleid der Liebe zu Gott und den Menschen.

Gisela Brackert

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