Hoffnungsgemeinde in Medien

Völlig orientierungslos

Viele Menschen aus Osteuropa ohne Deutschkenntnisse und Ausbildung suchen ihr Glück in Deutschland

Von Renate Haller,  „Evangelische Sonntags-Zeitung", 2013

FRANKFURT. Die Städte ‧schlagen Alarm wegen zunehmender Armutseinwanderung vor allem aus Osteuropa. Auch bei diakonischen Einrichtungen in Frankfurt wird mehr Hilfe ‧gefordert.

Die langen Tische in der Weißfrauenkirche sind gut besetzt. Einige haben gegen Ende der Winterspeisung noch ihre Teller mit Eintopf vor sich stehen, andere wärmen sich mit Tee oder Kaffee auf. Wieder andere haben den Kopf auf die Tischplatte gelegt und versuchen, in dem Trubel ein wenig zur Ruhe zu kommen. Sie mögen zu jenen gehören, die die Nacht bei Minustemperaturen im Freien verbracht haben. 139 Männer und Frauen hat der 1.Frankfurter Verein für soziale Heimstätten in der Nacht von 31. Januar auf ‧ Februar im Freien und in den B-Ebenen gezählt. 84 von ihnen stammen aus Osteuropa.

Bei der Winterspeisung, die im Februar täglich von der Frankfurter Hoffnungsgemeinde in der Weißfrauen-Diakoniekirche angeboten wurde, kamen vor allem in den vergangenen drei Wochen etwa 30 Prozent mehr Menschen als zuvor. »Vor allem aus Rumänien und Bulgarien, zum Teil auch aus Albanien. Es kommen viele junge Männer, zum Teil aber auch ganze Familien,« sagt Jutta Jekel, Pfarrerin der Hoffnungsgemeinde. Das Geld für die spendenfinanzierte Speisung hatte die Gemeinde schon zusammen. Jetzt muss wegen des großen Zustroms weiter gesammelt werden; dreißig Prozent mehr Lebensmittel wollen bezahlt sein.

 

Wir leisten Hilfe Barmherzigkeit

»Die Menschen sind völlig orientierungslos«, hat Jekel beobachtet. Die meisten, die in die Weißfrauenkirche kommen, sprechen nicht deutsch, haben keine Ausbildung und wissen nicht, wohin sie sich wenden sollen. Sie werde mit dem Sozialausschuss ihrer Gemeinde beraten, wie sie helfen können, sagt die Pfarrerin. Und fügt hinzu: »Wir leisten Hilfe aus Barmherzigkeit, aber sie reicht nur von einem Tag bis zum nächsten.«

Zumindest eine Woche nach vorne blickt Lisica. Er kommt aus Bulgarien, seinen vollen Namen möchte er nicht nennen. Wenn die Winterspeisung in der Weißfrauenkirche vorüber ist, hofft er für eine Woche auf ein warmes Mittagessen bei der Caritas. Von diesem Angebot habe er auf der Straße erfahren. Was danach kommt? Er zuckt mit den Schultern: »Keine Ahnung.«

Lisica schlägt sich schon seit fünf Jahren in Deutschland durch. Mit ihm am Tisch sitzen drei Männer, eine Frau und eine Jugendliche, die erst vor zwei Monaten nach Deutschland gekommen sind. Sie haben keine Arbeit, keine Wohnung, kein Geld. Wo sie schlafen? »Hauptwache«, übersetzt Lisica und zuckt wieder mit den Schultern. Was sie arbeiten wollen? »Sauber machen.« Ohne Sprachkenntnisse? Schulterzucken.

So wie Liscia geht es Hunderten Frauen und Männern, die in den vergangenen Jahren nach Deutschland gekommen sind. Der Deutsche Städtetag hat kürzlich Alarm geschlagen, weil die Städte allein mit dem Zuzug nicht fertig werden. Kamen 2007, mit Beitritt in die Europäische Union, noch 64 158 Menschen aus Bulgarien und Rumänien nach Deutschland, waren es 2011 bereits 147 091 Personen. Im ersten Halbjahr 2012 soll die Zuwanderung um weitere 24 Prozent gestiegen sein. Das aber sind die offiziellen Zahlen. Wer sich nicht anmeldet, wird auch nicht gezählt.

Unter den gezählten Zugewanderten sind viele qualifizierte EU-Bürger, die in Deutschland Arbeit gefunden haben und gut integriert sind. Problematisch ist die Situation für diejenigen, die bereits in ihrer Heimat unter elenden Bedingungen gelebt haben. »Wir hören immer wieder, dass es ihnen hier bettelnd noch besser geht als in ihrer Heimat«, berichtet Renate Lutz, Leiterin des Diakoniezentrums Weser 5, das einen Tagestreff für Wohnungslose anbietet.

 

Mit dem Fernbus ins Frankfurter Bahnhofsviertel

Seit etwa zwei bis drei Jahren stünden bei den Einrichtungen der Diakonie immer mehr Menschen aus Osteuropa vor der Tür, sagt Michael Frase, Leiter des Diakonischen Werks Frankfurt. Vor allem in Weser 5 im Bahnhofsviertel sei der Druck groß. Die meisten Armutsmigranten kommen mit Bussen am Bahnhof an, Weser 5 liegt direkt um die Ecke.

Auf 70 bis 80 Prozent beziffert Frase den Anteil der Ostereuropäer an den täglichen Besuchern im Tagestreff der Diakonie. Das seien werktags rund 100 Menschen, am Wochenende 160 bis 180. Zum Teil kommen Gruppen und ganze Familien. Solche Gruppen seien präsenter und anders vernetzt als die sonstigen Wohnungslosen, die in der Regel Einzelgänger sind. Das führe zu Reibereien und in der Folge zur Verdrängung der bisherigen Klientel. Durch die Zunahme von Osteuropäern verschiebt sich auch die Arbeit im Diakoniezentrum. »Wir verkommen zum reinen Dienstleister«, sagt Einrichtungsleiterin Lutz. Die Mitarbeiter geben Handtücher, Kleidung und Essen aus, aber eigentliche Sozialarbeit, bei der versucht wird, die Situation der jeweiligen Klientel zu verändern, könne überhaupt nicht geleistet werden. Zum einen haben die Armutsmigranten keinen gesetzlichen Anspruch auf Leistungen, zum anderen ist eine sprachliche Kommunika‧tion kaum möglich.

 

Sprachbarrieren sind Problem

An diesem Punkt könne die Stadt tätig werden, hofft Diakoniechef Frase. Würden Sozialarbeiter beschäftigt, die die Sprache der Zugewanderten sprechen, bekäme man ein besseres Bild von und bessere Zugänge zu den Gruppen. »Wir können die Notlage der Menschen nicht ignorieren«, sagt Frase. Mit der Stadt habe es deshalb bereits mehrere Gesprächsrunden gegeben, wie die Situation besser gestaltet werden könne.

Zwar wolle die Stadt durch neue Programme keinen Zuwanderungsanreiz bieten, aber kostenlose sanitäre Einrichtungen in Bahnhofsnähe wären schon hilfreich. Außerdem werde eine Anlaufstelle für Familien gebraucht, wo sich diese mit dem Nötigsten versorgen können. Im Diakoniezentrum Weser 5 wolle man Kinder nicht mehr zulassen. »Dazu sind wir dort gar nicht ausgelegt«, sagt Frase.

Im Tagestreff von Weser 5«haben sich einige Gruppen Tische zusammengeschoben. Männer hängen schief auf den Stühlen, sitzen die Zeit ab und strahlen Hoffnungslosigkeit aus. Im Ruhebereich haben sich mehr als ein Dutzend von ihnen auf den Boden gelegt, versuchen den Schlaf nachzuholen, den sie nachts auf der Straße nicht bekommen haben.

Eine junge Frau kommt herein, die kurz zuvor zum Mittagessen in der Weißfrauenkirche war. Auch sie weiß nicht wohin. Vor einem dreiviertel Jahr ist sie nach Deutschland gekommen, hat in Mannheim ein paar Monate geputzt, aber dann ist sie schwanger geworden, und ihr Mann hat sie verlassen. Wie es weitergeht, weiß sie nicht. Erst einmal sucht sie jede Nacht einen anderen Schlafplatz.

Allein gelassen

Von Renate Haller,  „Evangelische Sonntags-Zeitung", 2013

Die Zustände sind bedrückend: Menschen ohne Geld, ohne Dach über dem Kopf, ohne Aussicht auf einen Arbeitsplatz sitzen bei Winterspeisungen, sind froh über eine warme Mahlzeit, wissen aber schon nicht, wo sie die Nacht verbringen werden. In den kalten Monaten haben viele deutsche Städte ihre B-Ebenen geöffnet und bieten zusätzliche Notunterkünfte an. Derzeit sind die meisten voll.

Die Städte klagen über den Zuzug von Frauen und Männern, oft auch ganzer Familien aus Osteuropa, vornehmlich aus Rumänien und Bulgarien. Seit beide Länder 2007 Mitglieder der Europäischen Union (EU) wurden, dürfen ihre Bürger frei reisen. Sie tun es und stehen hier zu Tausenden vor den Türen der Hilfseinrichtungen. Sie kommen, weil ihr Elend in ihrer Heimat noch größer ist. Viele von ihnen gehören der Volksgruppe der Roma an, die in ihrer Heimat zusätzlich diskriminiert werden. Bettelnd, in Notunterkünften und mit einer warmen Mahlzeit ab und an geht es ihnen in Deutschland noch besser als in ihrer Heimat. Hier aber ist niemand auf den zusätzlichen Bedarf an Hilfe eingestellt.

Als die Grenzen 2007 geöffnet wurden, gab es viele, die solche Wanderungen vorhergesagt haben. Gehört wurden sie nicht. Auf der Ebene der internationalen Politik wurden Entscheidungen getroffen, die Auswirkungen vor allem auf lokaler Ebene haben. Denn dort stehen die Menschen vor den Türen und belasten die Sozialsysteme. Allein in Frankfurt ist nach Angaben aus dem Sozialdezernat die Zahl der sogenannten Bedarfsgemeinschaften aus Bulgarien, die Hartz IV beziehen, von 52 im Jahr 2009 auf 267 im Jahr 2012 gestiegen. Im gleichen Zeitraum stieg die Zahl der ‧rumänischen Bedarfsgemeinschaften von 191 auf 386.

Anspruch auf Hilfe hat aber nur, wer mindestens drei Monate sozialversicherungspflichtig beschäftigt war, und das dürften die wenigsten sein. Die meisten haben keine Ausbildung und sprechen die deutsche Sprache nicht. Sie haben keine Chance, in Deutschland einen vernünftigen Arbeitsplatz zu finden. Sie leben von Suppenküchen und dem, was sie sich erbetteln.

Verschärfen dürfte sich das Problem 2014. Denn dann gilt die volle Arbeitnehmerfreizügigkeit für Bulgaren und Rumänen, und dann haben sie auch leichteren Zugang zu den hiesigen Sozialleistungen.

Der Deutsche Städtetag hat deshalb kürzlich Alarm geschlagen und fordert die Politik auf, in den Herkunftsländern für bessere Lebensbedingungen zu sorgen. Langfristig ist das sicher der einzige Weg, um Armutswanderungen zu vermeiden. Kurzfristig aber verspricht er keine Lösung. Denn schon jetzt schiebt die EU Milliarden nach Osteuropa, hat damit aber ‧offensichtlich keine entscheidende Verbesserung der Sozialbedingungen erreicht.

Deshalb müssen die Städte in Deutschland in die Lage versetzt werden, der aktuellen Problematik Rechnung zu tragen. Zum einen brauchen sie Geld, um die Notlagen von heute und morgen überbrücken zu können. Zum anderen müssen Hilfesysteme überdacht werden.

Auf Familien beispielsweise ist kaum jemand eingestellt. Hier ist die schnelle Schaffung von Anlaufstellen notwendig. Auch eine Krankenversicherung hat nicht, wer in seiner Heimat in absoluter Armut gelebt hat. Es muss geklärt werden, wie diese Menschen versorgt werden und wer das bezahlt. Es werden Sprachprogramme gebraucht, damit Integration überhaupt ‧eine Chance hat. Und das alles muss schnell gehen.

Deutschland hat der ‧EU-Erweiterung zugestimmt, die sozialen Folgen dessen können nicht bei den Kommunen hängen bleiben. Und es darf auch nicht ‧abgewartet werden, bis rechte Gruppen das Problem für ihre Parolen nutzen.

Im Rahmen der Ausstellung "Das Kreuz mit dem Kreuz" und der Karfreitagskampagne "Opfer" der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau war die Hoffnungsgemeinde in vielen Medien präsent.